Das „Vier Jahreszeiten“ in Görlitz: Grand-Hotel, Handwerkshaus und schlafender Riese
Wer heute aus dem Görlitzer Bahnhof tritt, blickt direkt auf die imposante, wenn auch vom Verfall gezeichnete Fassade des ehemaligen Hotels „Vier Jahreszeiten“. Das Gebäude ist ein stummer Zeuge der Ära, als Görlitz eine wohlhabende Industriemetropole war und Reisende mit höchsten Ansprüchen empfing.
1. Vom Gründerzeit-Hotel zum Art-Déco-Juwel
Erbaut wurde das Gebäude etwa um 1870/1875, in der Blütezeit der Gründerjahre. Aufgrund seiner Lage direkt am Bahnhof war es die erste Adresse für Geschäftsreisende und Touristen.
In den 1920er Jahren (ca. 1925–1927) erfuhr das Haus eine entscheidende architektonische Verwandlung. Unter der Leitung des Architekten W. Hahn wurde das Hotel umfassend umgebaut. Dabei erhielt es jene mondäne Innenausstattung, für die es bis heute unter Kennern berühmt ist:
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Das Foyer: Ein Meisterwerk der Gestaltung mit Elementen des Art Déco und des späten Jugendstils.
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Details: Die Portierloge, der geschwungene Treppenaufgang und kunstvolle Kachelöfen zeugen noch heute vom einstigen Luxus.
2. Die Ära als „Haus des Handwerks“
Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Nutzung des Gebäudes grundlegend. In der DDR-Zeit wurde das Hotel von der Handwerkskammer übernommen und fungierte fortan als „Haus des Handwerks“.
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Es wurde zum gesellschaftlichen Mittelpunkt für die Handwerker der Region.
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Es gab Versammlungssäle, Büros und eine Gaststätte, die bei den Görlitzern sehr beliebt war.
Obwohl der Hotelbetrieb untergeordnet war, blieb der Name „Vier Jahreszeiten“ im kollektiven Gedächtnis der Stadt fest verankert.
3. Der Dornröschenschlaf nach der Wende
Nach der politischen Wende 1989/90 wurde das Haus für kurze Zeit wieder als Hotel genutzt, doch der Betrieb konnte sich nicht halten. Seit nunmehr fast 30 Jahren steht das Gebäude leer.
Der Leerstand hat Spuren hinterlassen:
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Zustand: Fehlende Türklinken, abblätternder Putz und die Spuren von Vandalismus und Feuchtigkeit prägen das Bild.
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Faszination Urbex: Für Fotografen und Liebhaber verlassener Orte (Urbexer) ist das Innere des Hotels ein begehrtes Motiv, da die historische Substanz – wie das Foyer und die Treppenhäuser – trotz des Verfalls noch immer eine beeindruckende Eleganz ausstrahlt.
4. Die Architektur als Denkmal
Das Gebäude in der Berliner Straße 35 / Bahnhofstraße 25 ist als Einzeldenkmal geschützt. Besonders wertvoll ist die Kombination aus der strengen Fassadengestaltung und der filigranen Innenarchitektur der 1920er Jahre. Es dokumentiert den Übergang vom historistischen Prunk hin zur sachlicheren, aber dennoch dekorativen Moderne.
Der Blick in die Zukunft
Regelmäßig gibt es Diskussionen und Hoffnungen über eine Sanierung. Die Lage am Bahnhof ist städtebaulich ideal, doch die enormen Kosten für die denkmalgerechte Instandsetzung eines so großen Objekts sind eine Herausforderung.
Solange bleibt das „Vier Jahreszeiten“ ein schlafender Riese, der jedem Ankömmling in Görlitz sofort ins Auge fällt und von besseren Zeiten träumt.
Hinweis: Das Gebäude ist privat und aufgrund des baulichen Zustands normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Gelegentlich gibt es jedoch im Rahmen des „Tags des offenen Denkmals“ die seltene Chance, einen Blick in das legendäre Foyer zu werfen.











